Stigma „Kampfhund“ – Mal der Asozialität und die Frage, wer hier wirklich asozial ist!


Ich bin eine Halterin eines Listenhundes. Eine Halterin, die einen kraft Gesetzes gefährlichen Hund hält, weil mein Hund einer bestimmten Rasse angehört. Der Rasse American Staffordshire Terrier. Ein sogenannter „Kampfhund“, wie die Boulevardmedien in den 90ern Hunde einiger Rassen für ihre Schlagzeilen zusammenfassten. (M)ein Stigma. Ein Mal der Asozialität, obwohl mein Hund – tierärztlich geprüft durch zwei Sachkundeprüfungen – tatsächlich kein gefährlicher Hund ist. Aber die Fakten zählen nicht, denn der Mythos vom bösen Wolf ähm…Kampfhund muss aufrechterhalten werden (sonst müsste die Politik ja zugeben, dass sie über 20 Jahre in der Thematik rund um Hundebeißattacken auf ganzer Linie versagt hat, zumindest, wenn man neben dem deutschen Gefahrenabwehrrecht auch Tierschutzrecht berücksichtigt)

Es reicht, für den Gesetzgeber, die Politik und leider einem Großteil der unaufgeklärten Bevölkerung, dass ich einen solchen Hund besitze und er so aussieht wie er aussieht, um mich zu diskriminieren, zu kriminalisieren, zu diffamieren und als Aussätzige zu behandeln.

Denn ich bin asozial, weil ich einen sogenannten „Kampfhund“ besitze. Ich habe zu kleine Brüste, deswegen brauche ich einen sog. „Kampfhund“. Ja, mein ganzes Selbst besteht aus Minderwertigkeitskomplexen körperlicher und psychischer Natur, deswegen brauche ich einen sog. „Kampfhund“. Er ist mein Statussymbol, weil ich ansonsten in dieser Gesellschaft keinen Status besäße. Ich bin kriminell, weil ich einen sog. „Kampfhund“ besitze, denn er ist ja ausschließlich eine Waffe auf 4 Beinen und ich halte ihn ja auch nur deswegen, um Menschen Angst machen zu können. Ich bin dumm, deswegen besitze ich einen sog. „Kampfhund“. Wenn mein Hund bellt, ist das schon der Beweis seiner monströsen Aggressivität, die ihm kraft Geburt eigen ist. Er ist ja schließlich als Kampfmaschine auf der Welt erschienen, und sein einziges Ziel ist, soviele Babys und Kinder zu zerfleischen, wie nur irgend möglich. Ich stehe da voll drauf, und mache ihn scharf, denn ich bin ja dumm, asozial und kriminell und mir geht einer ab, wenn er sich mit seinem werwolfartigen Gebiss irgendwo verbeißt.

DAS ist leider tatsächlich die Meinung von vielen Menschen. Und das querbeet durch unsere Gesellschaft. Solche Aussagen musste ich mir in den letzten Jahren schon so einige Male anhören, solche Aussagen tätigen unsere Volksvertreter, teilweise ja durchaus studierte, an sich intelligente Menschen…ja, ganz heftig finde ich, dass solche Aussagen auch oft genug von Hundehaltern getätigt werden, obwohl die es ja eigentlich besser wissen müssten, denn sämtliche Experten auf dem Gebiet der Hundeverhaltensforschung sind sich einig:

Den gefährlichen Hund per Rasse gibt es nicht!

Die Gefährlichkeit des u.a. American Staffordshire Terrier wird vom Gesetzgeber vermutet, weil von meinem Hund eine abstrakte Gefahr ausgeht. Eine abstrakte Gefahr bedeutet im Juristendeutsch, dass ein gewisses Gefahrenpotenzial für ein Rechtsgut (Leib, Leben, Gesundheit, Eigentum) besteht, aber kein konkreter Handlungsbedarf (keine konkrete Gefahr) gegeben ist. Auf normalem Deutsch bedeutet das: Mein Hund könnte zur Gefahr werden, tut es aber gerade nicht (mal wieder zu faul, der Wuff-Wuff 😛 ). Eine Definition übrigens, die grundsätzlich auf alle Hunde zutrifft, denn jeder Hund ist letztendlich ein vom Wolf abstammendes, domestiziertes Raubtier, dessen Gebiss vor allem eine Funktion hat…zu töten um zu essen um zu überleben. Diese abstrakte Gefahr wird allerdings nur bei bestimmten Rassen vermutet, weil tragische Unfälle in den 90ern/2000 mit diesen Hunden mit deren Historie vermischt und von den Medien aufgebauscht wurde. Der American Staffordshire Terrier ist u.a. eine Rasse, die vor mehr als 150 Jahren aus Bulldogs und Terriern gezüchtet wurde, um nach dem Abebben der „menschlichen“ Leidenschaft und Mode „Bullbaiting“ (Hunde gegen Bullen, daher auch Bulldog) der damals neuen Mode „Hundekampf“ gerecht zu werden. Der Hundeschlag „Bull and Terrier“ wurde folglich kreiert, weil es im 18. und 19. Jahrhundert „en vogue“ war, Tiere gegen andere Tiere kämpfen zu lassen. Der Kampfhund wurde vom Mensch geschaffen, denn der Mensch ergötzte sich daran und fand es belustigend. Letztendlich war es ja auch nur eine Fortführung und Variante menschlicher Tradition, die aus Gladiatorenkämpfen gegen Löwen, Hahnenkämpfen, Stierkampf und und und bestand und heute noch in vielfältigen Varianten besteht. Doch Hundekämpfe wurden 1835 in England (Geburtsort der „Pit Bulls“) verboten , denn die Spezies Mensch entwickelte sich weiter, zumindest größtenteils, denn im Untergrund gab, gibt es und wird es (leider) immer Menschen geben, für die das Quälen, Ausnutzen und Missbrauchen von Lebewesen „en vogue“ ist. Abgesehen davon, ist es in nicht wenigen Ländern auch noch legal bzw. wird nicht verfolgt und bestraft. Würg… 😦

Und wegen diesem Schlag Mensch, der bis heute tierische Geschöpfe zu seiner Belustigung quält, misshandelt und abrichtet, wurden Rasselisten geschaffen, die die Opfer zu Tätern stigmatisiert und ihre Halter gleich mit. Wegen einer abstrakten Gefahr, die eigentlich nur besagt, dass mein Hund gefährlich werden könnte…scheißegal, ob er’s nun ist, oder nicht und auch leider scheißegal, ob ich als Halterin eine verantwortungsvolle Hundeliebhaberin bin oder wirklich ein asoziales Stück Dreck mit tierquälerischen Ambitionen….wir Staffi-Halter, Pitti-Halter, Bulli-Halter, „Kampfhund“-Halter, „Listi“-Halter werden immer zusammen mit dem kriminellen Pack in eine Schublade gestopft.

Das ist für mich kein Akt eines RECHTSstaats, denn wo ist die Verhältnismäßigkeit, wo die Gleichbehandlung, wenn schon erwiesenermaßen die Rechtsgrundlage *Rasseliste* keine sachliche Grundlage besitzt? Denn sie beruht nicht auf wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen, sondern ausschließlich auf Mythen und Vorverurteilungen, weil sich aus Aussagen & Studien von Kynologen wie in einem Puzzle die Begründung pro Rasselisten damals in blindem Aktionismus zusammengebastelt wurde (es ist ja bekannt, dass Aussagen von namhaften Experten, z.B. Dorit Feddersen-Petersen aus dem Kontext gerissen wurden…frei nach dem Motto: Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt).

Und last but not least….zurück zum Stigma – Mal der Asozialität

Ich – wie auch seeeehr viele andere sog. „Kampfhund-Halter“ (zumindest die offiziellen und legalen Halter) haben einen Hund aus dem Tierheim geholt, den Tierschutz damit tatsächlich geholfen und ihn unterstützt. Wir haben uns Fachwissen über Hunde, die Rassen und ihr Verhalten angeeignet, wir wurden sogar geprüft, ob wir Ahnung von Hunden haben, wir haben Hundetraining gemacht und unsere Hunde erzogen. Wir haben damit staatliche Stellen, private Tierärzte und Hundeschulen mitfinanziert. Wir sind geschult worden, wie wir Hunde sicher und verantwortungsbewusst führen, weil wir das Image unserer Hunde nicht noch weiter verschlechtern wollen und verhalten uns daher sehr rücksichtsvoll und bewusst in der Öffentlichkeit. Wir zahlen doppelt und dreifach Steuern und pumpen damit eine nicht unerhebliche Menge Geld in die Staatskasse. Wir sind Hundeliebhaber, weil wir Hunde lieb haben, ganz egal, welcher Rasse sie angehören.

WER bitteschön ist also asozial???

 

 

 

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Ein Gedanke zu “Stigma „Kampfhund“ – Mal der Asozialität und die Frage, wer hier wirklich asozial ist!

  1. *grins* Ich bin dazu auch noch gepierct und tätowiert…. Wie asozial ist das denn bitte schön? Gut, ich bin bislang vor solch dummen Menschen verschont geblieben und wenn, dann haben meine Hunde die Vorurteile ganz schnell ausgeräumt. Davon ab, dass diese Terrier vor den Hundekämpfen zum Bullenbeißen bzw. Bullentreiben gezüchtet wurden, sprich sie sind von Natur aus Hütehunde. Mit einer dazu benötigten Intelligenz ausgestattet. Und wenn wir schon bei den Hundekämpfen sind – diese Hunde wurden nur auf den Kampf mit anderen Hunden trainiert. Zeigte ein Hund Agressionen gegen einen Menschen wurde er damals rigoros eingeschläfert. Somit wurde ein absolut menschenfreundlicher Hunde gezüchtet. Und was nötig ist, um diesen Hund so umzudrehen, dass er auf Menschen losgeht ist so furchtbar, dass mir beim Lesen schon die Tränen in Strömen runterliefen. Denn ich bin so asozial mir vor Anschaffung eines Hundes doch tatsächlich durchzulesen, was ich mir anschaffe und was mein Hund alles braucht, um glücklich zu sein!

    Das tun leider die ganzen normalen Hundehalter nicht. Was zu manchem Tierleid führt….

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