10.03.2017 – von Gnade, Angst und Dankbarkeit


Die letzten 24 Stunden meines Lebens waren eine emotionsgeladene Talfahrt ins Ungewisse. Von jetzt auf gleich saugte mich die Angst in ihr Vakuum….flupp…und warf mich in ein schwarzes Loch aus Hoffen und Bangen. Innerhalb einer Sekunde reduzierte sich meine gesamte Wahrnehmung aufs wirklich Wesentliche. Denn wenn Gevatter Tod anklopft und du nicht weißt, ob er gekommen ist, um dir tatsächlich ein Stück deines Herzens zu stehlen, erkennst du, dass so Vieles in deinem Leben eigentlich total unnötig und unwichtig ist und du erkennst, was du von Herzen liebst…

Was war passiert?

Vorgestern Abend – es war ca. 22.30 Uhr – ging es Boomer plötzlich nicht mehr gut. Von jetzt auf gleich atmete er ein paar Mal hintereinander seltsam schwer, kurz darauf hatte er Durchfall und anscheinend Probleme beim Gehen…er war offensichtlich irgendwie erschöpft.

Was hatte der arme Pups? War ihm schlecht? Hatte er Bauchweh? Meldete sich seine Arthrose? Ich konnte es mir nicht erklären. Vor einer Stunde war noch alles ganz normal gewesen…hatte er etwa sein Fressen nicht vertragen? Das war für mich eine Möglichkeit, denn Boomer war da schon immer ein Sensibelchen…jahrelang hatte er als Futtermittelallergiker Magen-Darm-Probleme gehabt. Hatte er irgendetwas Giftiges aufgenommen? Bereitete ihm seine Arthrose Schmerzen? Ich wusste es nicht, beobachtete ihn, wie er da in meinem Wohnzimmer auf dem kalten Boden lag, streichelte ihn und versuchte zu erfühlen, ob der Bauch gebläht war, ich irgendetwas bemerken würde, was unnormal war, was ihm weh tat…und fand nix. Ich checkte die Symptome für eine Magendrehung…nee, das wars nicht. Ich überlegte, ob ich meine Freundin, die Tierarzthelferin ist und ein Dorf weiter wohnt, um diese Uhrzeit noch anrufen sollte, ich dachte nach, ob wir besser zu einem Notdienst fahren sollten oder ob Boomer einfach nur mal einen schlechten Tag hatte. Ich empfand es als schwierig, abzuschätzen, ob sich hier gerade ein Notfall auftat, der die Belästigung des Notdienstes rechtfertigte (bei einem Magen-Darm-Sensibelchen und chron. Arthrosepatient, der öfters mal Probleme hat) und während ich noch meine Möglichkeiten durchspielte und nachdachte, stand Boomer auf und kotzte zweimal in den Flur. Seine Futterration kam mehr oder weniger unverdaut wieder raus. Danach hatte ich den Eindruck, dass es ihm wieder besser ging. Er war wieder etwas besser drauf, trank ganz viel und ging in sein Körbchen. Das beruhigte mich und ich beschloss, die Nacht noch abzuwarten.

Gestern Morgen merkte ich jedoch recht schnell, dass es ihm immer noch nicht gut ging. Er schleppte sich vom Körbchen ein paar Meter ins Wohnzimmer und legte sich sofort ab. Morgengassi war nicht möglich. Was tun? Es war 6.30 Uhr…alle Tierärzte hatten noch zu und ich müsste jetzt eigentlich los zur Arbeit. Wieder stellte sich die Frage…noch warten, bis der Tierarzt auf hatte oder doch besser zum Notdienst fahren? Ich rief die Notdienst-Tierärztin an und sie sagte, ich solle lieber kommen. Ich rief meinen Arbeitgeber an (der GOTT SEI DANK Verständnis für sowas hat) und teilte mit, dass ich später kommen würde und machte mich auf den Weg.

Ab dem Zeitpunkt stand ich neben mir und die Angst begann in mein Herz zu kriechen…

Boomer schleppte sich schwankend zu meinem Auto. Als ich meinen Hund so sah, brachen die Tränen aus mir heraus und meine Nerven lagen blank.

Wir düsten 24 km zu der Tierärztin, die Blut- und Leberwerte checkte, ihn röntgte und schon mal einen Darmverschluss ausschließen konnte. Hier hieß es noch, dass sich Boomer eventuell eine Lebensmittelvergiftung bzw. einen riesen Infekt zugezogen haben könnte. Seine Temperatur und sein Kreislauf waren im Keller und er kam an den Tropf. Von hier ging es dann 19km weiter zu unserer Haus-Tierärztin. Nochmaliges Röntgen, Infusion, Ruhen unter der Rotlichtlampe und dann wurde ein vergrößertes Herz entdeckt. Ein Ultraschall ergab den ziemlich sicheren Verdacht auf Perikarderguss. Das ist Flüssigkeit im Herzbeutel, die da eigentlich nix verloren hat und entweder durch einen Tumor oder auch aus dem Nichts dorthin kommen kann…ernste Lage, weil der Kreislaufkollaps nicht fern und die Prognose auch häufig mit Euthanasie enden kann. Die Worte der Ärztinnen drangen an mein Ohr, die Hälfte verstand ich jedoch nicht vor lauter Fremdwörtern, und im Vakuum der Angst bereits gefangen, erschien mir jedes Gespräch auch so dumpf, als würde es in weiter Ferne geführt werden. Ich schaute nur auf Boomer, der da lag und alles mit sich machen ließ, ja, von kaum etwas mehr Notiz nahm und das war ein äußerst schlechtes Zeichen…mir blutete das Herz.

Ich war da, reagierte, redete, organisierte und war doch nicht wirklich anwesend…ein Teil von mir hatte sich bereits zurückgezogen, denn er hatte den Ernst der Lage gecheckt und verkroch sich unter einer imaginären Bettdecke.

Ich sollte in die nächste Tierklinik fahren. Das super Team meiner Tierärztin und natürlich sie selbst punktierten Boomer noch, bevor wir losfuhren, denn wir mussten nochmal 30km fahren, um zur Klinik zu kommen. Nach dem Punktieren (Abziehen der Flüssigkeit) ging es Boomer auch schon ein klein wenig besser, trotzdem musste ich Boomer zur Beobachtung in der Klinik lassen. Er stand immer noch auf der Kippe, es war immer noch kritisch.

Es war ein grausiges Gefühl, nur noch mit der Leine in der Hand das Gebäude am frühen Nachmittag zu verlassen, heim zu fahren und auf den Anruf zu warten, der mir alles Weitere verraten würde.

Das Warten ist eine ätzende Sache. Ungewissheit sucks! In dieser Zeit hat jegliche Gedankenkotze Zeit, dich wahnsinnig zu machen. Da kommen die Vorwurfsgedanken, warum man nicht doch schon abends den Notdienst aufgesucht hat, vielleicht wäre Boomers Kreislauf dann nicht so down gewesen. Da kommen die Worst-Case-Gedanken… was ist, wenn es das jetzt war? Wenn ich vorhin meinen Hund das letzte Mal lebend gesehen habe…ich das letzte Mal mit ihm Gassi war…ich nie wieder seine süßen Öhrchen wackeln sehen darf? CUT!

Ich habe gestern geheult und gebibbert, gebetet und gehofft. Ich habe mich versucht abzulenken, aber genauso versucht, auf jegliche mögliche Nachricht über den Zustand meines Hundes gewappnet zu sein.

Der ersehnte Anruf kam. Allerdings erst um 21.30 Uhr und ohne, dass ich ihn mitbekommen hätte. Erschöpft vom ganzen sich Sorgen und Angst haben, schlief ich gestern irgendwann auf der Couch ein und hörte den Anruf nicht. Grrr!!! Als ich wach wurde, hätte ich mein Handy am liebsten gegen die Wand geschmissen. Nun musste ich mit dieser Ungewissheit ins Bett gehen. Megaätzend!

Heute Morgen lief ich rum wie ein gescheuchtes Huhn…wartend, bangend und hoffend. Ich vermisste Boomer schon sehr. Ich konnte es kaum abwarten, ihn endlich wieder in meine Arme nehmen zu können. Es ist krass….er hat sofort gefehlt daheim! Das Tapsen seiner Pfötchen auf dem Holzboden, sein Geschnarche und Gewuffe, wenn er träumt, der morgendliche, vorwurfsvolle Morgenmuffel-Blick, wenn ich mich erdreiste, ihn in der Dunkelheit zum Pipi machen auszuführen….boah…wie habe ich ihn vermisst!

Dann kam der ersehnte Anruf, ich könne ihn abholen kommen (Beep, beep…und weg!).

Der Tod hat Gnade walten lassen…es ist noch nicht die Zeit gekommen, dass mein Hund aus meinem Leben tritt.

Boomer gehts wieder gut! ❤  Nach der Punktion meiner Tierärztin musste nicht nochmal punktiert werden. Die Flüssigkeit blieb weg vom Herzbeutel. In einer Woche müssen wir nochmal nachschauen lassen, ob dem dann immer noch so ist, aber vorerst alles wieder gut! Sein Herz hat nichts, es sieht auch nicht danach aus, als wäre ein Tumor schuld…es kam einfach aus dem Nichts und ist wieder im Nichts verschwunden…Ursache ungeklärt.

Ich gehöre heute wohl zu einer der glücklichsten Frauen auf diesem Planeten. Ich hatte so Angst um meinen Boomi und als er vorhin zu mir geführt wurde, er sich vor lauter Freude bepinkelt hat und ich ein letztes Mal geheult hab – nur dieses Mal vor Erleichterung und Freude…da fiel mir ein riesen Stein vom Herzen!

Ich bin so grenzenlos dankbar! Ich danke allen Menschen, die sich um meinen Hund gekümmert  und ihn wieder auf die Beine gekriegt haben. Ich danke allen Menschen, die sich um mich gekümmert haben, obwohl ich in den letzten 24 Stunden nur ein verheulter, zickiger Schatten meiner Selbst war. Ich danke meinem Arbeitgeber, dass er es mir möglich gemacht hat, dass ich für meinen Hund da sein konnte, als er mich brauchte (mir ist durchaus bewusst, dass das leider keine Selbstverständlichkeit ist – weil viele denken „is ja nur ein Hund“- Schwachsinn!).

Und vor allem danke ich meinem Hund, der nun bewiesen hat, dass er ein wahrer „Kampfhund“ ist…er hat um sein Leben gekämpft und gewonnen!

DANKE ❤

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7 Gedanken zu “10.03.2017 – von Gnade, Angst und Dankbarkeit

    1. Nein, Ursache ist leider ungeklärt. So ein Herzbeutelerguss kann 3 mögliche Ursachen haben: 1. Tumor (konnten sie nichts finden), 2. Traumen > Unfall, z.B. vom Auto angefahren (hatten wir nicht) 3. aus dem Nichts ohne Ursachenfindung

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      1. Nachsorgetermin mit neuem Blutwertecheck & Herz-Ultraschall hat ergeben, dass alles wieder im grünen Bereich ist ❤ :-). Etwas gruselig bleibt, dass die Ursache nach wie vor ungeklärt ist, es könnte jederzeit nochmal kommen, aber auch nie wieder. Aber hauptsache, er ist wieder fit 🙂

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