Von der Listenlast – der Verantwortung on top


Boomer ist nun schon 49 Tage nicht mehr bei mir (Boah…die Zeit rast).

In diesen 49 Tagen hat sich mein Leben gezwungenermaßen wieder verändert. Mein Tagesablauf ist ein anderer geworden. Ich komme nachhause und es ist still (viel zu still für meinen Geschmack). Ich muss nicht mehr Gassi gehen, kann wieder alles machen was ich will. Ein Stück wiedergewonnene Freiheit.

Manchmal finde ich das ganz angenehm. Ich kann wieder nach der Arbeit heim kommen und muss mich nicht -egal bei welchem Wetter- sofort in den Wald begeben. Kann mir einfach ein Buch schnappen und stundenlang lesen. Kann mich vor den Fernseher schmeißen. Sport machen. Schreiben. Gärtnern. Alles. Ich habe Zeit für Dieses und Jenes, könnte so vieles tun, was ich die letzten 5 Jahre eben nicht mehr konnte, oder nur mit entsprechender Organisation und zeitlich beschränkt. Kann Freunde besuchen, ohne, dass ich mich irgendwann mit den Worten „Ich muss, der Hund ist schon so lange allein.“ verabschieden muss. Könnte nun auf Reisen gehen, auf sämtliche Partys, Festivals und und und.

Nur…das ist gar nicht (mehr) mein Leben. Es ist mir überwiegend eher unangenehm und langweilig…so ohne Hund. Ich vermisse das Wandern im Wald. Ich vermisse die Hundegesellschaft im Allgemeinen. Ich vermisse Boomer. Ich finde es manchmal auch blöd, dass ich jetzt gar keine Ausrede mehr habe, mich von irgendwelchen langweiligen Veranstaltungen abzuziehen („Oh, es tut mir leid, aber ich muss leider, der Hund muss raus.“) 😉 .

Daher gehe ich – wie auch sämtliche Leute, die mich gut kennen 😉 – davon aus, dass in baldiger Zukunft wieder ein Tierheimhund ein Forever-Körbchen findet. Bei mir. Nicht als Ersatz für Boomer (weil, das geht nicht), sondern als würdiger Nachfolger, weil es so viele tolle Hunde gibt, die ein Zuhause verdient haben und ich ein Mensch bin, der die Gesellschaft von Hunden der menschlichen Gesellschaft (bis auf auserwählte Lieblingsmenschen, die mich in meinem Leben begleiten) vorzieht.

Soweit, so gut…das steht wohl fest, dass mit dem neuen Hund…irgendwann. In diesen 49 Tagen habe ich mir allerdings schon öfters die Frage gestellt, ob es denn wieder ein Listi werden soll.

Ein Teil von mir würde das sehr gerne wollen. Und zwar aus dem gleichen Grund wie damals…weil ich das, was mit bestimmten Hunderassen gemacht wurde und wird, bis in die kleinste Zelle meines Seins verachte, ablehne und dumm finde! Es macht mich immer noch so wütend, so traurig, so betroffen, wie emphatielos der Mensch im 21. Jahrhundert mit Tieren umgeht. Wie nazihaft versucht wird, bestimmte Rassen mit Rasselisten systematisch und gesetzeskonform auszurotten, wegen Vermutungen, die wissenschaftlich widerlegt sind, wegen eines Mythos, einer traurigen Historie, wegen Vorurteilen und Klischees und dieses ignorante Vorgehen auch noch als „mildestes Mittel im Gefahrenabwehrrecht“ begründet wird, um die Öffentlichkeit vor gefährlichen Hunden zu schützen (hat man ja jetzt wieder gesehen in Baden-Württemberg, wie toll die Rasselisten vor Hundeattacken schützen). Die Listis haben es schwer, aus den Heimen zu kommen und ich hätte einen guten Platz. Ich kenne den ganzen Bürokratie-Wahnsinn. Ich habe das alles schon mal durch. Aber genau deswegen möchte ein anderer Teil von mir das vorerst nicht mehr. Das „Alles nochmal von Vorne“. Abgesehen davon, dass mich ein Bollerköpfchen wahrscheinlich zu stark an Boomer erinnern würde, habe ich in den letzten 49 Tagen auch gemerkt, was ich eigentlich für eine Last getragen habe. Ich taufe es die „Listenlast“ – die zusätzliche Verantwortung als Hundehalter, die nochmal als schweres Paket zu der normalen Verantwortung auf deinen Rücken gepackt wird. Denn als Listenhundhalter steht man im Fokus der Öffentlichkeit…und das vorverurteilt. Für mich war das oft mit einem emotionalen Druck verbunden, der, wie ich jetzt merke, ziemlich einschränkend und bedrückend war.

Eine Situation mit seinem Hund falsch einzuschätzen kann jedem mal passieren. Da kann man so viel über Hunde wissen, wie man mag…es ist und bleibt menschlich, nicht perfekt zu sein und Fehler zu machen und es bleibt, dass man nicht in den Kopf des Hundes blicken kann. Er bleibt ein Tier, ein domestiziertes Raubtier.

Nur…als verantwortungsvoller Listenhundhalter darf dir das zum Verrecken nicht passieren! Der Staat und seine Bevölkerung erwarten von dir perfektes Verhalten und du MUSST jederzeit alle Situationen richtig einschätzen.

Denn wenn dir das passiert und dein Hund wird in einen Beißvorfall verwickelt (er muss ja noch nicht mal Schuld sein, z.B. wenn ein anderer Hund angreift und sich deiner nur wehrt), dann bist du unter Umständen dran mit einem Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung. Dir könnte ein Hundehaltungsverbot drohen und last but not least könnte dein Hund dir weggenommen, im schlimmsten Fall sogar eingeschläfert werden. Weil man eben deinen Listenhund schon per Gesetz zum Schuldigen deklariert hat. Er ist ja unwiderlegbar vermutet der gefährliche Hund. Trotz erfolgreichem Wesenstest, trotz deiner penibel verantwortungsbewussten Haltung. Er bleibt in vielen unwissenden, vorurteilsbenebelten Augen der Kampfhund, der stets nur „plötzlich austickt“, von Geburt an aggressiv ist usw. bla, bla, blubb. Erkläre da mal diesen Leuten, dass dein Hund sich eigentlich nur „normal hündisch“ verhalten hat… Mmh…merkt ihr was? Das wollen die nicht hören, denn ihr Urteil ist schon geBILDet.

Und wenn was passiert, hast du nicht nur dafür gesorgt, dass das schlechte Image weiterlebt und die Politik sich weiterhin bestätigt sieht, dass Rasselisten Sinn machen, sondern du hast gleichzeitig auch alle anderen Soka-Halter in Misskredit gebracht und die sind dann zu Recht sauer, denn mit jedem Vorfall unter Beteiligung eines sog. Kampfhundes verfestigt sich im kollektiven Gedächtnis weiter die irrationale Angst und das Klischee.

Das alles war mir immer bewusst. Nicht nur als Listihalterin, sondern auch als Verwaltungsangestellte, die weiß, wie der Behördenapparat, wie der Rechtsstaat tickt und funktioniert.

Diese Listenlast hat mich manchmal übervorsichtig werden lassen. Vorsichtiger, als es bei Boomer eigentlich notwendig gewesen wäre. Ich habe immer sehr genau abgewägt, wann ich meinem Hund Freilauf gewähre, denn ich unterlag ja dem ständigen Leinenzwang. Ich habe ihm lieber einmal zu oft in der Stadt den Maulkorb aufgesetzt, als einmal zu wenig. Lieber Vorsicht als Nachsicht war mein Motto.

Dabei war Boomer ja nicht gefährlicher, wie irgendein anderer unsicherer Tierheimhund auch. Er war kein Beißer…nur ein kleiner Schisser. Und eigentlich so easy, so liebenswert, so schmusig. Ein feiner Kerl. Ich glaube, diese ganzen Auflagen und die drohenden Konsequenzen haben auch mich manchmal unsicherer werden lassen, als ich es eigentlich bin, was natürlich auch mit ein Grund gewesen sein mag, warum ein kleiner Rest Boomers Unsicherheit auch immer geblieben ist. Das merke ich jetzt alleine schon als Gassigängerin im Tierheim…. Es ist so entspannend und erleichternd irgendwie, mit einem Nicht-Listenhund. Diese On-top-Verantwortung ist nicht mehr da und plötzlich kann ich viel souveräner in Situationen sein (und das mit einem großen, mir eigentlich unbekannten Tierheimhund), als ich es mit Boomer war. Das finde ich irgendwie grotesk, habe darüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass es wirklich an dieser Listenlast lag. Nicht mehr, nicht weniger und vor allem lag es nicht an meinem Hund.

Aber wo bei jedem anderen Hund des Menschen Verstand noch funktioniert („Ist doch ein Hund, der bewacht halt gerade sein Grundstück und bellt deswegen“ oder „Der will spielen“), ging bei Boomer (ich habe es doch in den Augen der Menschen gesehen) immer sofort die Schublade „aggressiver Kampfhund“ auf, wenn er mal gebellt hat oder wenn er mal neugierig auf einen anderen Hund zugelaufen ist.

Das fand ich sowieso immer schlimm, wenn andere Hundehalter (!!!) aus einer ganz normalen, hündischen Begegnung einen Angriff auf ihren Fiffi deuten wollten. Oder schon vorher das Weite gesucht haben, wenn sie denn nicht noch irgendeinen Kommentar rüber geschmissen haben, dass Boomer eine „Waffe“ sei, weil er gerade beschwichtigend gähnte, obwohl sich gleichzeitig der Fiffi als aggressiv, weil maximal gestresst, in die Flexi-Leine schmiss.

Niederschmetternd war es auch immerzu, diese Gedankenlosigkeit anderer Halter mit ausbaden zu müssen. Wenn zum Beispiel irgendein anderer Honk mal wieder total klischeebestätigend sich als Statussymbol einen Staff angelacht hat und aufflog, weil der Staff – natürlich illegal gehalten – einen anderen Hund attackiert hat. Schwupps wurde ich angesprochen von meinen Mitmenschen und musste mich wieder und wieder dafür rechtfertigen, warum ich mir „so einen Hund“ geholt habe.

Natürlich war das nicht immer so und ich habe mich nicht 5 Jahre nur eingeschränkt oder bedrückt gefühlt. Ganz im Gegenteil sogar. Jedes Mal, wenn ich solche Situationen hatte, hat mich Boomer darin bestätigt, dass ich mit meiner Entscheidung für einen Listi alles richtig gemacht habe!

Und ich könnte mir vorstellen, dass ich irgendwann wieder bereit bin, alles nochmal von Vorne zu beginnen und mir wieder sehr gerne diese Listenlast antue, eben weil die Hunde absolut nichts für diesen Wahnsinn können und weil es tolle, charakterstarke Hunde sind, die für Charaktermenschen gemacht sind…Menschen mit Herz und Verstand und starken Schultern, die die Last der Listen und damit einhergehenden Ausgrenzung, Vorverurteilung und Diskriminierung tragen können.

 

 

 

 

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6 Gedanken zu “Von der Listenlast – der Verantwortung on top

  1. Wie immer, kann ich total nachvollziehen was in dir vorgeht. Die selben Gedanken kommen auch mir manchmal.
    Ich liebe unseren Prinzen und ich bereue nichts. Nichts desto trotz überlege ich häufig, ob wir uns das ganze noch einmal antun würden. Das Herz schreit ganz laut „JA, natürlich!“ und der Verstand zweifelt und stellt sich all die Fragen, die du oben beschreibst.
    Manchmal überlege ich, ob wir uns irgendwann einen zweiten Hund anschaffen. Und ich weiß, zumindest dieser wird definitiv kein Listi. Bei aller Liebe zu unserem Prinzen und der Geliebten Charaktere unserer Bollerköppe – manchmal muss man vernünftig sein.
    Ich wünsche dir den perfekten unperfekten Nachfolger für dein Herz, deine Seele und dein Zufriedensein. Es gibt ihn. Da bin ich sicher.

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  2. Was in Baden-Württemberg geschehen ist,habe ich gerade gelesen.Es ist schlimm,dass die alte Dame zu Tode kam…
    Wenn man aber liest,dass sich der Kangal von der Kette gelöst hat,das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.Dann werden gleich drei Hunde erschossen…

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  3. Ich habe mich damals genau in dem Jahr als der Schwachsinn losging für meinen ersten Listi entschieden. Als Zweithund neben einem Goldi. Und danach ging nur noch ein Listi. Keine andere Hunderasse hat mein Herz so nachhaltig gefangen genommen wie ein Staff. Vielleicht ist das auch so, weil ich Zeit meines Lebens noch nie viel auf die Meinung anderer gegeben habe. Und eh ständig kämpfen muss. Mit Sicherheit liegt es aber an diesem herrlich breiten Grinsen, dieser wunderbar bollerigen Art mit der sie sich ranschmeißen und dann so sanft Tränen und Kummer wegschlabbern. Daher kotzen mich zwar nach wie vor die verschiedenen Listengesetze der Bundesländer an und ich kann nach wie vor alles nicht nachvollziehen, aber mein Herz ♥ wird immer einen Listi nehmen, je eher desto besser. Umso eher wird für einen dieser Schmusebubbel ein neues schönes Leben beginnen. Mir graut heute schon vor dem Tag an dem ich es kräftemäßig nicht mehr verantworten kann einen Listi zu führen, aber bis dahin jederzeit und mindestens zwei.

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  4. Super.Gute Gedanken.Ich,als Klassischer Homöopath, bin es gewohnt,der Masse der Menschen gegenüber allein da zu stehen.Die Masse folgt dem leichten Weg.Als eigenständig denkender Mensch hat man mehr Verantwortung.Du wirst bestimmt wieder einem Listi helfen den unverdienten Zwinger des Tierheimes zu verlassen.Wer soll es sonst tun?

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